đŸŠ· Sparpaket trifft KinderzĂ€hne – droht 156 KieferorthopĂ€den das Aus?

5/7/20262 min read

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken plant ein Gesetz, das bis zu 100.000 Kinder und Jugendliche in Berlin und Brandenburg ohne kieferorthopÀdische Versorgung lassen könnte. Autsch.

Sparen ist gut. Sparen ist notwendig. Aber manchmal trifft der Sparhammer an Stellen, wo man es am wenigsten erwartet – und am wenigsten gebrauchen kann. Diesmal: bei den ZĂ€hnen unserer Kinder.

Was plant die Gesundheitsministerin?

Im neuen Beitragssatzstabilisierungsgesetz fĂŒr die gesetzlichen Krankenkassen steckt eine Regelung, die es in sich hat: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) plant einen sogenannten Facharztvorbehalt fĂŒr KieferorthopĂ€den.

Das klingt erstmal technisch. Was es bedeutet, ist aber simpel – und fĂŒr viele Praxen verheerend:

Nur noch ZahnĂ€rzte mit dem offiziellen Titel „Fachzahnarzt fĂŒr KieferorthopĂ€die" dĂŒrfen kĂŒnftig kieferorthopĂ€dische Behandlungen bei Kassenpatienten durchfĂŒhren.

Das Problem: Die Zahlen sprechen fĂŒr sich

In Berlin gibt es 4.416 ZahnĂ€rzte. Davon haben 4.343 KEINE Anerkennung als Fachzahnarzt fĂŒr KieferorthopĂ€die. Das ist so gut wie alle.

Von den 229 niedergelassenen KieferorthopĂ€den in Berlin erfĂŒllen nur 73 Warkens neue Anforderung – nĂ€mlich jene, die eine einjĂ€hrige Klinikweiterbildung absolviert haben.

Die anderen 156 KieferorthopĂ€den? Die dĂŒrften nach dem neuen Gesetz keine Kassenpatienten mehr behandeln. Darunter 65, die einen internationalen Abschluss – den Master of Science (MSC) – vorweisen können.

Eine Betroffene erzÀhlt

Eine von ihnen ist Dr. Juliane Maron (42) aus Neukölln. Sie arbeitet seit 15 Jahren als niedergelassene KieferorthopĂ€din in der Hermannstraße, behandelt 350 Patienten pro Quartal – und hat neben dem Job extra den Master gemacht, um schnell als KieferorthopĂ€din einsteigen zu können.

Jetzt soll das alles plötzlich nichts mehr wert sein.

„Man spricht uns die Kompetenz ab", sagt sie. Noch mehr Sorgen macht sie sich aber um ihre Patienten.

Und das zu Recht. Denn wenn 156 KieferorthopĂ€den wegfallen, mĂŒssten die verbliebenen 73 alle Kassenpatienten mitversorgen. Das Ergebnis: endlose Wartelisten – oder gar kein Platz mehr.

Wer zahlt den Preis? Die Kinder.

Dr. Maron bringt es auf den Punkt:

„Behandlungen wĂŒrden verschleppt oder fĂ€nden gar nicht statt. Soziale Unterschiede wĂŒrde man wieder an den ZĂ€hnen sehen."

Denn das Gesetz gilt nicht fĂŒr Privatversicherte. Die können weiterhin jeden KieferorthopĂ€den aufsuchen. Kassenpatienten – also die große Mehrheit der Familien in Deutschland – hĂ€tten das Nachsehen.

Schiefe ZÀhne als Klassenmerkmal? Das klingt wie aus einer anderen Zeit. Könnte aber bald wieder RealitÀt werden.

Was sagen die Fachleute?

Dr. Bianca Göpner-Fleige, PrÀsidentin der ZahnÀrztekammer Berlin, widerspricht dem Ministerium klar:

„KieferorthopĂ€die ist Inhalt des Zahnmedizin-Studiums. Jeder approbierte Zahnarzt ist dazu berechtigt, kieferorthopĂ€disch zu behandeln."

Der einzige Unterschied zwischen den 73 „anerkannten" und den 156 „nicht anerkannten" KieferorthopĂ€den? Ein Jahr Klinikweiterbildung. Nicht mehr, nicht weniger.

Fazit: Sparen ja – aber nicht auf Kosten der Kinder

Dass das Gesundheitssystem gespart werden muss, ist keine Frage. Aber ein Sparpaket, das ausgerechnet die kieferorthopĂ€dische Versorgung von Kindern und Jugendlichen trifft – und dabei hochqualifizierte Fachleute aus dem System drĂ€ngt – ist kein kluges Sparen. Das ist ein Eigentor.

Bis zu 100.000 Kinder und Jugendliche in Berlin und Brandenburg könnten die Leidtragenden sein. Und das fĂŒr eine Regelung, die fachlich kaum zu begrĂŒnden ist.

Man darf gespannt sein, ob das Gesetz in dieser Form kommt – oder ob der politische Druck aus den Praxen, Kammern und Familien noch etwas bewegt.

Quelle: B.Z., Birgit BĂŒrkner, 24. April 2026